Manfred Stephan (Hrsg.)

Sintflut und Geologie

Schritte zu einer biblisch-urgeschichtlichen Geologie


Exkurs 1 zu Sintflut und Geologie (3. Aufl.)

Die Urgeschichte – keine historische Darstellung?

Wie zu Beginn von Kapitel 3 des Buches gesagt, wird in der alttestamentlichen Fachliteratur nicht selten betont, dass es zur Aussageabsicht der Urgeschichtstexte gehört, auch wirkliche Geschichte (Historie) darstellen zu wollen (allerdings ereignete sie sich teilweise noch unter anderen Bedingungen als alle spätere Geschichte, eben weil es Ur-Geschichte war; s. Kapitel 6). Daneben finden sich bei kritischen Exegeten auch zahlreiche Äußerungen, es sei nicht die Absicht des Autors/der Autoren der Urgeschichte, historische Aussagen zu machen. Hier seien beispielhaft Aussagen von zwei Alttestamentlern diskutiert, die sich ausdrücklich gegen den „Kreationismus“ wenden.

(1) M. Oeming beruft sich auf den Jubel Adams, in dem der erstgeschaffene Mensch ausruft, die Frau sei der richtige Partner für ihn, und der Mensch werde Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhängen (Gen 2,23f.). Dazu sagt Oeming: „Adam hatte – chronologisch gesehen – ja eigentlich gar keine Eltern, die er hätte verlassen können. Das ist aber kein peinliches Versehen des Verfassers, sondern macht klar, dass der Text eben nicht historische Tatsachen berichten will und nicht auf urzeitliche Ereignisfolgen abzielt, sondern auf gegenwärtige Realitäten.“1 – Jedoch: Die jüdischen und christlichen Ausleger haben über viele Jahrhunderte ebenfalls solche Beobachtungen am Bibeltext gemacht, ohne ihn als ungeschichtlich zu beurteilen. Folgt man Oeming, wären in der weitaus längsten Zeit des Christentums solche Texte nicht nur in Details der Auslegung, sondern grundsätzlich bezüglich des wirklichen Geschehenscharakters missverstanden worden – eben fälschlich historisch statt nichthistorisch. Tatsächlich war es die Veränderung der geistesgeschichtlichen Situation in Europa seit dem 17./18. Jahrhundert infolge der Aufklärungsschübe, die dazu führte, dass viele aufgrund solcher „schwieriger“ Textstellen den Schluss zogen, sie seien ungeschichtlich.2 Diese geistesgeschichtliche Wende wird heute nicht immer so deutlich ausgesprochen wie in den Sätzen von Gunkel.3 Einerseits sagt er zu Recht: „Erzähler und Hörer [der Genesis-Erzählungen] haben die Sagen für ‚wahre’ Geschichten gehalten“ (S. XXX). Ebenso äußert Gunkel zu Gen 1, dass es „dem Verfasser nicht nur darauf ankam, den religiösen Gedanken von der Schöpfung zu illustrieren, sondern daß er zugleich den wirklichen Hergang der Entstehung der Welt erzählen will“; dies „hätte man niemals leugnen sollen“ (S. 130). Oder zur Paradiesüberlieferung (Gen 2 und 3), bei der „niemand je hätte bestreiten sollen, daß unsere Erzählung eine wahre Geschichte sein will“. Als kritischer, der Textaussage verpflichteter Alttestamentler beklagt Gunkel, dass dies „moderne Erklärer geleugnet“ haben (S. 40), obgleich er den persönlichen Standpunkt dieser Kollegen teilt: „Das deutlichste Kennzeichen der Sage ist, daß sie nicht selten Dinge berichtet, die uns unglaubwürdig sind“ (S. X). „Die Art aber, wie Erzählungen von Gott reden, ist einer der sichersten Maßstäbe dafür, ob sie historisch oder poetisch gemeint sind. Auch hier kommt der Historiker ohne eine Weltanschauung nicht aus. (…) Für das Reden Gottes in der Genesis ist eigentümlich, daß … Gott ganz einfach wie ein Mensch zum andern spricht ([Gen] 12,1 u.a.). Wir sind im stande, dergl. als Naivität antiker Menschen zu verstehen, aber wir weigern uns, an solche Erzählungen zu glauben“ (S. XI). Ebenso zur Sintflutüberlieferung: „Und daß die Erzählung Sage ist, zeigt sich am deutlichsten daran, wie sie von Gott spricht: Gott tritt auf und handelt mit, und die Sage erzählt ganz harmlos von den Gedanken Gottes, ohne irgendwie zu zeigen, woher sie denn solches Wissen habe“ (S. 76). – Oeming erwägt ferner nicht, dass der erste Mensch in einem uns kaum mehr zugänglichen Status des Urstands in prophetischer Weisheit für die Zukunft gesprochen haben könnte. In diesem Sinn meinte Thomas v. Aquino (1225-1274): „Da der Erstmensch, … die andern zu belehren und zu regieren, vollkommen eingerichtet war, so gehörte es sich, daß er die Kenntnis von allem natürlich Wißbaren und vom Übernatürlichen im notwendigen Maße hatte, daß er aber alles andere nicht wußte“.4 Ähnlich Martin Luther (1483-1546): „Denn weil Adam rein und heilig ist, so werden seine Worte Gottes Wort recht genannt; denn Gott hat durch ihn geredet und sind im Stande der Unschuld alle Worte und Werke Adams wahrhaftig Gottes Worte und Werke gewesen. (…) Und gehört dieser Spruch auch zur Weissagung; denn es war noch weder Vater, noch Mutter, noch Kinder, und weissagte es doch Adam also vom Leben der Eheleute….“5 – Nach anderen Exegeten, z.B. Keil oder Westermann,6 ist Gen 2,24 anders als V. 23 nicht mehr von Adam gesprochen, sondern stammt vom späteren Erzähler, so dass das diskutierte Problem möglicherweise in dieser Form überhaupt nicht besteht.7

(2) T. Pola behauptet zur Aussageabsicht einer der postulierten Quellenschriften des Pentateuch (= 5 Bücher Mose), zu der das erste Kapitel der Bibel gehört, und die (erst) in der Spätzeit des babylonischen Exils der Judäer entstanden sei8: „Statt eines Geschichtsberichts versteht sich die Priesterschrift als in die Vergangenheit gewandte Prophetie.“9 Das wird u.a. so zu begründen versucht: Die Wendung „das Ende … ist gekommen“ aus dem Prolog zur Sintflut (Gen 6,13a) sei aus Amos 8,2 bzw. Hes 7,2.6 übernommen worden.10 Ebenso sei die Feststellung vor der Flut, dass die Erde mit „Gewalt“ und „Unrecht“ erfüllt war (Gen 6,11.13b), aus den Propheten übernommen worden (z.B. aus Amos 3,10; Jer 6,7). Solche Prophetenworte seien also die älteren Texte; erst später, in der „priesterschriftlichen“ Sintflutdarstellung, sei auf schon vorliegende Prophetentexte angespielt worden. Die „Priesterschrift“ habe, indem sie die „negativen Aussagen … aus der Prophetie … übernimmt“, solche Gerichtsworte der Propheten „konsequent in die Zeitstufe der Vergangenheit“ übersetzt.11 Das heißt, die Sintfluterzählung sei eine in die Vergangenheit projizierte Vorstellung, in der die Gewalttätigkeit der Sintflutgeneration und ihr drohendes Ende mit Ausdrücken charakterisiert wurden, die in Wirklichkeit viel später die Propheten in ihren Drohreden gegen Israel und Juda gebrauchten. – Jedoch: Warum kann es nicht umgekehrt gewesen sein? Warum können die Propheten in ihren Drohreden gegen Israel und Juda nicht Ausdrücke benutzt haben, die ihre schockierten Hörer aus der Sintflutüberlieferung kannten? So zu Recht Jacob zum Sintflutabschnitt: „Unser Kapitel war auch für Ez [=Hesekiel] das Vorbild.“12 Es waren Ausdrücke, mit denen die Propheten auf die Sünden („Gewalttat“, „Unrecht“) in Israel und Juda hinwiesen und deshalb dem Volk ein ähnliches Geschick androhten wie der Generation vor der Sintflut („das Ende ist gekommen“). Für die Zuhörer der Propheten war besonders schockierend, dass sie damit (indirekt) mit der Sintflutgeneration verglichen wurden. Dieser Vergleich ist auch deshalb wahrscheinlich, weil die Propheten sich nicht scheuten, Israel und Juda wegen ihrer Sünden direkt mit Sodom und Gomorra zu vergleichen (z.B. Jes 1,7-10; 3,9; Jer 23,14; Amos 4,11).13

Da nach Pola das Schöpfungskapitel (Gen 1) auf den Ruhetag (Gen 2,1-3) zuläuft,14 führt ihn u.a. dies zu der falschen Alternative15: „Zeit ist also weniger als historischer denn als kultischer Ablauf begriffen […]. Die historischen [!] Ereignisse werden in das Raster der in Gen 1 präfigurierten göttlichen Ordnung eingepasst“. Doch gelangt Pola zu der interessanten Schlussfolgerung, dass „die chronologischen Angaben in P [= „Priesterschrift“], die in der Endgestalt zum chronologischen System des Pentateuch geworden sind, … sogar eine von Gott gesetzte Ordnung im Ablauf der Geschichte vor Augen“ führen.16 In der Tat: Biblische Geschichte – auch die Urgeschichte! – bezeugt eine „von Gott gesetzte Ordnung“; das ist der kultisch-theologische Aspekt. Und: Diese Ordnung wird von Gott „im Ablauf der Geschichte“ verwirklicht – das ist der historische Aspekt; beides gehört zusammen. Das bestätigt sich auch beim Mehrungsauftrag an die ersten Menschen (Gen 1,28). Pola vertritt die Ansicht, dieser Auftrag meine weniger die Entstehung der Menschheit, sondern sei auf Ex 1,7 ausgerichtet17: „Das Ziel des Mehrungsauftrag in P ist die Volkswerdung Israels.“18 So oder so, mit der Durchführung dieses Auftrags beginnen in jedem Fall die erstgeschaffenen Menschen (Gen 1,27f.; 5,1-3ff.), und der Auftrag wird von Generationenfolgen vollzogen, läuft also in einem zeitlichen Nacheinander ab, der im ersten Buch des AT geschildert ist – wie soll er denn sonst ablaufen? Es ist natürlich eine besondere Geschichtsdarstellung (Historie), weil in ihr Gott der Handelnde bleibt (Theologie). Falsche Alternativen (Theologie contra Historie u.ä.) sollten unbedingt vermieden werden.

Pola fragt, ob Gen 1 und 2 „tatsächlich historisierend Aussagen über das ‚Wie’ der Weltentstehung machen“ wolle. Er weist auf die krasse Schilderung in Gen 2,21f. hin: „Populär missverständlich, wenn nicht sogar grotesk wirkt heute die Darstellung der Erschaffung der Frau aus einer Rippe des Mannes.“19 Nach Pola kommt es dann zur Groteske und zum Missverständnis, wenn „man darauf fixiert sein“ sollte, „im ‚Bericht’ nur das ‚Wie’ der Erschaffung der Frau zu suchen.“ Zunächst: Unbestritten ist, dass die biblische Überlieferung hier wie anderswo bei Lesern Ärgernis auslösen kann – zu allen Zeiten und aus vielen Gründen. Es ist theologisch nicht legitim, solche Ärgernisse durch Umdeutung der Texte zu entschärfen. Zum anderen: Dass Gott Adam in einen tiefen Schlaf fallen ließ und eine seiner Rippen nahm, die Stelle mit Fleisch verschloss und aus dieser Rippe die Frau baute – das ist es, was der Leser erfährt, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Er erfährt nicht, „wie“ Gott dabei vorging; der Text teilt darüber hinaus keine Einzelheiten mit. Aber ist mit dieser kurzen Schilderung in Gen 2 lediglich gemeint, dass „jeder Ehemann mit seiner Ehefrau zu einem Fleisch in der Bewusstlosigkeit innerhalb der ehelichen Vereinigung“ wird? Sollte tatsächlich Tiefschlaf bzw. Bewusstlosigkeit als Metapher für den Orgasmus gemeint sein? Wird nicht mit einer solchen Exegese der Literalsinn des Textes preisgegeben und in eine Art Allegorie verwandelt? Prinzipiell darf die Textaussage nicht völlig von dem geschilderten Ursprungsgeschehen gelöst und ausschließlich existential-anthropologisch verstanden werden, hier als Aussage über die Ehe, die allein den späteren Leser des Textes meine.

Ruppert (obgleich kritischer Alttestamentler) wendet sich dagegen, dies zum ausschließlichen Interpretationsansatz zu machen: „Die heilsgeschichtliche Interpretation der ‚Urgeschichte’ kann nicht durch eine rein existential-anthropologische ausgewechselt werden“.20 Denn die Texte wollen in erster Linie Vergangenes darstellen. Insgesamt nehmen solche Deutungsversuche den Ereignischarakter der Urgeschichtstexte in der Zeitlinie nicht zur Kenntnis. Darauf weisen (auf der Ebene des kanonischen Endtextes) außer den Berichten und Erzählungen der Genesis ihre Genealogien (Stammbäume) hin: „Die Geschlechtsregister in Gen 5 und 11 (vgl. 1Chr 1) machen deutlich, dass Adam, Henoch und Noah als ebenso historische Gestalten wie Abraham, Jakob und Josef verstanden wurden“.21 Ruppert betont, dass „auch die Stammbäume (Genealogien) schon durch ihre menschlichen Namen (!) letztlich als eine primitive Form von Geschichtsdarstellung zu gelten haben.“22 Zu Recht fragt Möller: „Von wann an will man Geschichtlichkeit als wirkliches Geschehen des Berichteten gelten lassen: Von David an oder von Mose, von Abraham, von Noah oder von Adam an? Es dürfte schwer fallen, irgendwo begründetermaßen eine Grenze zu ziehen“.23 „Der Übergang von Ur- zur Väterzeit ist somit …bruchlos und fließend“; Texte wie der Schöpfungsbericht und die Sintfluterzählung „liegen mit den im engeren Sinn geschichtlichen Texten auf einer literarischen Ebene.“24 Es ist angesichts dieser Aussageabsicht der Urgeschichte unsachgemäß, wenn Pola tadelt, der „Kreationismus“ unterstelle Gen 1 und 2, „historisierend Aussagen über das ‚Wie’ der Weltentstehung [zu] machen.“25 Oben wurde gezeigt, dass die Texte nicht das „Wie“ des Schöpfungshandelns im Detail schildern; aber sie bezeugen das zeitliche Nacheinander von Gottes Handeln in Schöpfung (Gen 1 und 2) sowie in Heil und besonders Unheil der Urgeschichte (Gen 3-11).26 Es sind vielmehr Exegeten wie Pola, die die Urgeschichte enthistorisieren, indem sie den charakteristischen, mit den Schöpfungswerken in den Tagen der Schöpfung beginnenden chronologischen Aspekt des Handelns Gottes leugnen.27 Und dass in Gen 1 erst recht nicht Details des „Wie“ der Weltentstehung beantwortet werden, ist nach dem Text deutlich. Darüber müsste es keinen Streit geben. Beispielsweise ist bei der Erschaffung der Gestirne (Gen 1,14-19) mit Pola klar: Der Text „will nicht das Wie des Werdens der Sterne protokollieren“. Das in der Exegese verbreitete Verständnis, dass dieser Text die Gestirne (vor dem religionsgeschichtlichen Hintergrund der alten mesopotamischen Verehrung astraler Gottheiten) entmachtet28, könnte zutreffen.29 Dieser theologische Aspekt steht aber nicht im Gegensatz zur chronologischen Abfolge der Schöpfungswerke im Tagesverlauf der Schöpfungswoche; falsche Alternativen sollten auch hier vermieden werden.

Das gilt ebenso für (mögliche) textliche Beziehungen zwischen der Schöpfungswoche und dem Geschehen bei der Gottesoffenbarung am Sinai. So wird nach Pola in Ex 24,15-18 auf die 6 + 1 Tage-Struktur der Schöpfungswoche zurückgegriffen. Denn die Wolke der Herrlichkeit Gottes bedeckt sechs Tage den Sinai, und am siebten wird Mose aus der Wolke der Gottesgegenwart angerufen. Dieses Offenbarungsgeschehen erstreckte sich also gemäß dem Text über eine bestimmte Zeitspanne. Weiter setzt Pola die „Vollendung“ der Schöpfungswerke (Gen 2,1) in Parallele zur „Vollendung“ der Herstellung heiliger Geräte des Sinaibundes (Ex 39,32.42f.; 40,33b).30 – Hier liegen zwar mögliche Anspielungen zwischen Schöpfungs- und Sinaiüberlieferung mit ihrem Kult vor, aber nur auf einzelne Zahlen und Stichworte (6 + 1 Tage-Struktur; „Vollendung“). Dagegen erwähnt Pola einen direkten Vergleich zwischen Schöpfungsbericht und Sinaitradition nicht, die ausdrückliche Begründung des Sabbatgebots im Zehnwort (Dekalog) vom Sinai auf den beiden Bundestafeln (Zehn Gebote; Ex 31,18b; 34,28b; vgl. Deut 4,13; 10,4).31 Hier wird die spätere Arbeitswoche und der Sabbat der Israeliten mit der uranfänglichen Schöpfungswoche und dem Ruhetag Gottes begründet: „Denn in sechs Tagen hat Jahweh den Himmel und die Erde gemacht, das Meer und alles, was in ihnen ist, und er ruhte am siebten Tage; darum segnete Jahweh den Sabbattag und heiligte ihn“ (Ex 20,11; vgl. 31,17).32 Eine noch größere Fehlanzeige ist die Nichterwähnung der sog. 10 Toledotformeln (s.u.), durch die das ganze Buch Genesis gegliedert ist (2,4; 5,1; 6,9; 10,1; 11,10.27; 25,12.19; 36,1+9; 37,2).33 In der kritischen Forschung werden die Toledotformeln der „Priesterschrift“ bzw. einem priesterlichen Traditionskomplex zuschrieben,34 deren Beginn das Schöpfungskapitel Gen 1 ist. Die theologische Bedeutung der „Priesterschrift“ liegt nach Zenger darin, dass sie „die Geschichte Israels in einen untrennbaren Zusammenhang mit der Welt als Schöpfung“ stellt; „die ganze Heilsgeschichte ist eingebunden in die Erdgeschichte.“35 Schon deshalb ist die Nichterwähnung der Toledotformeln bei Pola schwer verständlich. Dies umso mehr, weil er Gen 1,1-2,4a „als Teil der priesterschriftlichen Komposition“ eigens behandelt.36

Tōledōt meint „das Erzeugte, das Hervorgebrachte, das Ergebnis, das Resultat.“37 „So handelt die ‚Toledot Terachs’ (11,27-25,11) nicht von Terach selbst (der in 11,32 stirbt und im Buch nicht wieder erwähnt wird)“, sondern sie handelt besonders von seinem Sohn Abraham. Und vorher, im Anschluss an den Schöpfungsbericht Gen 1, beginnt die „Toledot von Himmel und Erde“ (Gen 2,4), die bis 4,26 reicht. In diesem Text geht es „um die Genealogie/den Stammbaum von Himmel und Erde, also um das sukzessive Hervortreten der einzelnen Geschöpfe“; es ist „speziell die Entstehung und Entfaltung von ‚Leben’, die hier nun gegenüber von Gen 1 mit anderen inhaltlichen Akzenten repetiert wird“38, nämlich „die Geschichte Adams und Evas, den Sündenfall und Kain und Abel“.39 Dieser Toledot-Abschnitt behandelt also das, „was in der Geschichte aus dieser Schöpfung wurde“.40 Ebenso, aber noch weiterführender Ruppert: „Mit den ersten Toledot, der Entstehungsgeschichte des Himmels und der Erde (Gen 2,4a), wird für P durch Gott eine Geschichte in Gang gesetzt, die in gleichsam spiralenförmigen, immer enger werdenden Kreisen auf die Toledot Jakobs, die Geschichte Israels, hinstrebt“.41 Ähnlich äußert Hieke, „das Toledot-System des Buches Genesis [läuft] auf die zwölf Stämme Jakobs als Konstituenten Israels zu“.42 Ebenso Schüle; nach ihm steht Toledot „in einem umfassenden Sinn als Begriff für Geschichte“, wobei „Geschichte für P die Phase von der Mehrung des ersten Menschen bis zu dem Punkt“ bedeutet, „an dem die Väter Israels nach Ägypten kommen“. Deshalb lautet eine Kapitelüberschrift bei Schüle „Die priesterliche Genesis als Geschichtsbuch.“43

Wohlgemerkt: Auch die kritischen Alttestamentler arbeiten hier die Aussageabsicht der Genesis-Texte heraus; diese sind deutlich erkennbar sowohl theologisch als auch historisch gemeint. Es ist nicht nachzuvollziehen, dass Pola angesichts dieses Befundes im Buch Genesis die falsche Alternative formulieren kann: „Das gesamte priesterschriftliche Werk versteht sich nicht als Geschichtsschreibung, sondern als eine in die Vergangenheit gewandte Prophetie…“.44 (Zu Letzterem wurde oben Stellung genommen.) Trotz seiner falschen Enthistorisierungstendenz sagt Pola im folgenden Satz etwas Richtiges: „Allein die leitmotivische Verflechtung der P-Schöpfungsdarstellung mit der gesamten Quellenschrift von P verbietet bereits, Gen 1,1-2,4a mit einer naturwissenschaftlichen Weltentstehungstheorie zu vergleichen.“45 In der Tat darf man Gen 1 nicht mit einer „naturwissenschaftlichen Weltentstehungstheorie“ vergleichen, man sollte nicht einen Offenbarungstext mit (rein menschlichen!) Naturwissenschafts-Publikationen verwechseln, denn deren Kennzeichen ist ja gerade, irgendwann durch den Fortschritt der Forschung überholt zu sein. Vielmehr sollte man in Gen 1 einen Text sehen, der – (wie es Stadelmann formuliert) „ohne die naturwissenschaftliche Fachsprache und Detailliertheit späterer Zeiten anachronistisch vorwegzunehmen – über die Anfänge des Sichtbaren aus Gottes Sicht berichten und lehren will, wie Gott diese Anfänge gesetzt hat“.46

Dennoch, trotz dieser Gefahren und aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, weist Pola nicht zu Unrecht darauf hin, dass die „Priesterschrift“ ein „antik eigentümliches wissenschaftliches Interesse“ besitzt.47 Wichtig sind bestimmte Aspekte, auf die andere kritische Alttestamentler hinweisen und darin eine Nähe des Schöpfungsberichts Gen 1 zu naturwissenschaftlichen Darstellungen sehen. So äußert Gunkel zu Gen 1,11-13: „Der Verfasser, der Genauigkeit, Klassifikationen und Definitionen liebt, teilt die Pflanzen ein in 1) … Kräuter und 2) … Bäume; beide unterscheiden sich nach Art der Fortpflanzung: [der Bereich der Kräuter] zeugt (nackten) ‚Samen’, der [Bereich der Bäume zeugt] ‚Früchte’, in denen der Same eingehüllt ist. Als ältester Anfang der Botanik angesehen ist diese Klassifikation nicht schlecht“.48 Auch für Westermann ist „die Darstellung der Genesis … auf dem Weg zur wissenschaftlichen Erklärung des Entstehens der Pflanzen“, da im Schöpfungskapitel „schon zwei Akte der Systematisierung oder der Abstraktion voraufgehen: einmal die Verallgemeinerung auf alle Pflanzen, dann ihre Einfügung als Weltbestandteil in die Erschaffung der Welt. […] Es ist zweifellos auch wissenschaftliches Interesse, das sich in der Klassifizierung der Pflanzen zeigt. An die Stelle eines rein funktionalen Interesses an den Pflanzen für die Ernährung des Menschen ist ein objektives Interesse getreten. Die Klassifikation der Pflanzen wird in ihrer Bedeutung erst verständlich auf dem Hintergrund der beiden oben gezeigten Abstraktionsvorgänge. […] Die Gliederung der Pflanzen nach Arten erfolgt eben nicht so eindeutig ‚vom Menschen her’“, hier wird deutlich, dass nicht „nur an die für den Menschen lebenswichtigen Pflanzen gedacht ist, sondern offenbar alle Pflanzen nach Arten eingeteilt werden sollen“. Die Erschaffung der Pflanzen und Tiere als Arten bringe Kunde des Priesterwissens in die Schöpfungsdarstellung hinein. Und „in die Richtung wissenschaftlichen Erfassens der Welt weist auch die Periodisierung der Schöpfungswerke“.49 Zimmerli meint, dass diese „aufzählenden Beschreibungen“ auf „ägyptische Listenwissenschaft“ zurückgehen könnte50; das wird aber nicht weiter begründet. Gunkel spricht bezüglich Gen 1 gar von „einem, man möchte sagen: wissenschaftlich exakten Aufbau“.51 Dieses Spannungsfeld zwischen theologischen und „wissenschaftlichen“ Aspekten in Gen 1 (und anderen Texten der Urgeschichte?) müsste weiter diskutiert werden; deutlich dürfte jedenfalls sein, dass die Bemühungen, Gen 1-11 vollständig von naturwissenschaftlichen und historischen Aspekten abzukoppeln, in die falsche Richtung weisen.


1 Oeming, Anfang (2009), 101.
2 Vgl. z.B. Kraus, Geschichte (1982), §§ 22f.27.38 u.a.; Michel, Anfänge (1985), Kap. II-IV.
3 Vgl. Gunkel, Genesis (1910).
4 T. v. Aquino, Summa theologica I, q 94, 3; zit. n. Bernhard, Summe I (1985), 329f.
5 Luther, 1. Mose (1536-45), Walch I/1, Sp. 166.170.
6 Keil, Genesis/Exodus (1861), 50; Westermann, Genesis (1974), 317.
7 Anders jedoch z.B.  Delitzsch, Genesis (1887), 95.
8 Es ist hier nicht möglich, auf Problematik und Fragwürdigkeit der Quellenscheidung (Urkundenhypothese) im Pentateuch sowie der späten Datierung der hypothetischen Quellen einzugehen; vgl. aber den Überblick in den W+W-Disk.-Beitr. von B. Knieß, Mose (1997/1999). Als exemplarisch für eine Auseinandersetzung mit der älteren Quellenscheidungsliteratur kann man noch immer auf Jacob, Genesis (1934), 949-1049 verweisen (Nachdruck 2000). Einen Überblick über die in den letzten Jahrzehnten stark in Fluss gekommenen Vorstellungen zur Entstehung des Pentateuch und seiner hypothetischen Quellen, sowie die Diskussion mehrerer neuer Lösungsversuche in der kritischen Forschung, in der die frühere Urkundenhypothese vielfach als überholt bzw. widerlegt betrachtet wird, gibt z.B. Zenger, Einleitung (2006), 74-123; vgl. weiter z.B. Rendtorff, Pentateuchforschung (1996); Albrecht, Pentateuchkritik (1996); Albrecht, Urkundenhypothese (1997). Im Einzelnen wird die Datierungsproblematik der „Priesterschrift“ (P) in einer kritischen Analyse der Forschungsgeschichte von Külling, Datierung (1964), 1-227 untersucht. Zur besonders fraglich gewordenen Existenz eines einheitlichen „jahwistischen“ (J) Textes vgl. z.B. Schüle, Prolog (2006), 11-42 oder Witte, Urgeschichte (1998), 1-43. Als kritischer Alttestamentler kommt Houtman, Pentateuch (1994), 440 gegen Ende seiner Geschichte der Erforschung des Pentateuch zu einem ernüchternden Fazit: „Stellt man die Frage nach der Tendenz und dem Entstehungsdatum kleinerer oder größerer Teile [des Pentateuch], aus denen das große Ganze aufgebaut ist, befindet man sich angesichts unserer lückenhaften Kenntnis der Geschichte Israels auf spekulativem Boden. Man darf sich sicherlich darauf begeben, nur muß man sich dessen bewußt sein, daß man sich auf Treibsand begibt. Wir erinnern hier nochmals daran: wenn man den mosaischen Ursprung des Pentateuch ablehnt, besitzt man aufgrund der Art und Weise, wie der Pentateuchstoff literarische Gestalt angenommen hat – die Schreiber taten ihr Bestes, um den Eindruck zu erwecken [!], der Stoff stamme aus der Zeit Moses …, – kaum Anknüpfungspunkte für eine Datierung.“
9 Pola, Schöpfung (2009), 174.
10 Ähnlich die meisten kritischen Kommentare; z.B. Zimmerli, Urgeschichte (1967), 305f; Westermann, Genesis (1974), 661f.; Seebass, Genesis (1996), 211; Scharbert, Genesis (2000), 83; Soggin, Genesis (1997), 131; Schüle, Urgeschichte (2009), 19.123.
11 Pola, Schöpfung (2009), 171; Satzteil in Anführungszeichen nach Smend.
12 Jacob, Genesis (1934), 185f.
13 Vgl. Gunkel, Genesis (1910), 216.
14 Pola, Schöpfung (2009), 168.
15 Wie leider oft bei Theologen zu beobachten, formuliert auch Pola häufig falsche Alternativen, z.B. zu Gen 1,1-2,4: „Die Gliederung in Werke und Tage zielt nicht auf die Erschaffung des Menschen (V. 26-28), sondern auf die Verankerung des Sabbats in der Schöpfung“ (Gen 2,1-4a); Hervorhebungen nicht im Original; so auch Preuß, Theologie I (1991), 267. Doch dürfte beides zutreffen; schon lange wurde beobachtet, dass die Verse von der Erschaffung des Menschen poetisch formuliert sind und dadurch als wichtiges Aussageziel im Text hervorgehoben und markiert sind; z.B. Keil, Genesis/Exodus (1861), 29; Gunkel, Genesis (1910) 111f.; Procksch, Genesis (1913), 432f.; Seebass, Genesis (1996), 82; Hilbrands, Schöpfungsbericht (2009), 6.
16 Pola, Schöpfung (2009), 169; Satzteil in Anführungszeichen nach Bauks.
17 Hier liegt wohl auch wieder eine falsche Alternative vor.
18 Pola, Schöpfung (2009), 170.
19 Pola, Schöpfung (2009), 167.173.
20 Ruppert, Urgeschehen (1979), 32.
21 Hilbrands, Schöpfungsbericht (2009), 5.
22 Ruppert, Genesis (1992), 532.
23 Möller, Anfang (1997), 87.
24 Schüle, Prolog (2006), 58.54.
25 Pola, Schöpfung (2009), 167.
26 Vgl. Hilbrands, Schöpfungsbericht (2009), 9.
27 Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Ruppert, Genesis (1992), 44 unter Voraussetzung von Quellenhypothese und Religionsgeschichte die Meinung vertritt, dass „im Zusammenhang von Gen 1-11 … die zum Teil ursprünglich mythischen Erzählungen durch die Verfasser der Pentateuchquellen ‚historisiert’, d.h. auf die (Heils-)Geschichte Gottes mit Israel bezogen“ worden seien. „Diese ‚Historisierung’ und damit ‚Entmythologisierung’ ist in der Priesterschrift [„P“] geradezu mit Händen zu greifen […]. Die in sechs bzw. sieben Tage (!) gegliederte Weltschöpfung ist nach dem Zeugnis dieser Pentateuchquelle das grundlegend göttliche Heilsgeschehen, das die auf Jakob (= Israel!) hinstrebende Heilsgeschichte nicht nur ermöglicht, sondern gleichsam ‚in Gang setzt’“. Auch für die Texte der zweiten hypothetischen Quellenschrift der Urgeschichte, die früher von der historischen Kritik durchweg dem „Jahwisten“ (J) zugeschrieben wurde (s. jedoch oben), begründet Ruppert, Urgeschehen (1979), 28: „J wollte tatsächlich eine ‚Geschichte’ von der Erschaffung der Menschheit an schreiben, freilich eine Geschichte Gottes mit der Menschheit“. Nach Ruppert hätten also bereits beide (vermeintliche) Quellen der Urgeschichte („J“+„P“) – und das heißt der Text der Urgeschichte insgesamt! – „historisiert“. Der von Pola gegen die „Kreationisten“ gerichtete Vorwurf, sie hätten nicht-historisch gemeinte Texte unzulässig „historisiert“, trifft also die biblische Darstellung selbst.
28 Pola, Schöpfung (2009), 170.
29 Vgl. Hilbrands, Schöpfungsbericht (2009), 7.
30 Pola, Schöpfung (2009), 170. – Vgl. Zenger, Einleitung (2006), 159-167, der Polas literarkritisch-exegetische Position im Rahmen der unterschiedlichen Rekonstruktionen „priesterschriftlich“ eingestufter Pentateuchabschnitte skizziert; hier 164.
31 Vgl. Preuß, Theologie I (1991), 112.
32 Vgl. Zimmerli, Theologie (1972), 108f.; Preuß, Theologie I (1991), 112f.; II (1992), 254f.
33 Die Toledot-Formel ist ein „Gliederungssignal“; Hieke, Genealogien (2003), 45; ausführlich 45-213.
34 Bevor die Toledotformeln Teil des kanonischen Endtextes wurden, waren sie nach dominierender Sicht der Pentateuchkritik Teil (unterschiedlich abgegrenzter) „priesterschriftlicher“ Texte; s. z.B. Zenger, Einleitung (2006), 167; vgl. 156-174.
35 Zenger, Einleitung (2006), 175.
36 Pola, Schöpfung (2009), 170-172.
37 Houtman, Pentateuch (1994), 425; ausführlich Jacob, Genesis (1934), 72-75.
38 Schüle, Urgeschichte (2009), 11.54.
39 Hilbrands, Thesen (2004), 15
40 Külling, Datierung (1964), 225; vgl. Hieke, Genealogien (2003), 57.
41 Ruppert, Urgeschehen (1979), 28; vgl. Jacob, Genesis (1934), 72: „Der Zweck und Sinn aller toledot ist: die Herkunft der bene Jisrael [Söhne Israels] festzustellen.“
42 Hieke, Genealogien (2003), 46.
43 Schüle, Prolog (2006), 47.51.
44 Pola, Schöpfung (2009), 171; kursiv im Original.
45 Pola, Schöpfung (2009), 170.
46 Stadelmann, Schriftverständnis (2005), 165.
47 Pola, Schöpfung (2009), 174.
48 Gunkel, Genesis (1910), 108.
49 Westermann, Genesis (1974), 172f.792.
50 Zimmerli, Urgeschichte (1967), 57; auch nach Preuß, Theologie I (1991), 266 sei Gen 1 „unter Benutzung von Listenwissenschaft“ entstanden.
51 Gunkel, Genesis (1910), 117.

Nähere Informationen zu den Quellenangaben in Teil 1 und Teil 2 des Literaturverzeichnisses


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